Die S-Klasse: Dekadenz in der Krise

Ein echter Stern, den Mercedes da Anfang September 2020 vorgestellt hat. Kostenpunkt: ab 93.438 Euro Einstiegspreis. Die Auto-Zeitung nennt dieses Gefährt „repräsentativ, aber niemals protzig“, eine Einschätzung, der man nur schwerlich zustimmen kann, repräsentiert das Auto doch vor allem eines, nämlich Klassenzugehörigkeit. Denn wer sich dieses Modell von Mercedes in der aktuellen Krise leisten kann, der hat sicherlich kein Problem mit Kurzarbeit oder vermindertem Einkommen. Dass die Produktion und der Verkauf einer solchen Luxuslimousine doch gerade in der Zeit der Pandemie mehr Fragen aufwerfen dürfte, scheint klar zu sein. Denn 286 PS in der günstigsten Variante sind schlichtweg nicht mehr zeitgemäß, repräsentieren sie doch ein Fahrzeug, das sich das Gros der Bevölkerung weder leisten kann und das gleichermaßen nicht zukunftsorientiert ist. 

Anstatt einer auf Breite abzielenden Elektromobilität hatte Daimler in der Vergangenheit vor allem auf kaufkräftige Kundinnen und Kunden in China oder Russland gesetzt, als ein günstiges Elektroautomobil für die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher zu entwickeln. Das rächt sich jetzt, zumal der internationale Handel zeitweise zum Erliegen gekommen ist und die Firma auf teuren Limousinen sitzt, die die monatlichen Ausgaben zurzeit wohl kaum ausgleichen dürften. Stellt sich die Frage, ob es sinnig ist, Unternehmen für derlei Versäumnisse nun zu unterstützen, denn ebenso wie VW, forderte auch Daimler seit Beginn der weltweiten COVID-19 Pandemie Staatshilfe in Form einer Kaufprämie. Und natürlich werden sofort die üblichen Schlagwörter bemüht: Arbeitsplätze, Schlüsselindustrie, Zulieferer, etc. 

Dessen ungeachtet sollte die Frage erlaubt sein, inwieweit ein Unternehmen, das weder verbrauchsorientiert — ohne Prämie scheint sich kaum jemand einen werksneuen Mercedes Benz leisten zu können — noch auf den heimischen Markt und die zukunftsorientierten Notwendigkeiten der weltweiten Klimakrise zu reagieren scheint — man baut schließlich lieber teure Verbrenner-Limousinen für ausländische Abnehmerinnen und Abnehmer — wirklich als Vertreter einer Schlüsselindustrie gelten kann. Die Orientierung auf Absatz dürfte für den Fall, dass das 24-monatige Kurzarbeitergeld nicht ausreichen wird, letztlich zudem dazu führen, dass sich die Versäumnisse im Abbau von Stellen niederschlagen. 

Ähnlich im Fall der Lufthansa stellt sich demnach also die Frage, unter welchen Voraussetzungen sogenannte Schlüsselindustrien zu fördern sind? Sicherlich nicht, damit weiter „repräsentative“ Autos für Märkte autokratischer Systeme gebaut werden. Es gilt Forderungen zu formulieren: mehr Klimaschutz, mehr Sicherheit für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Wer die Steuerzahlerinnen und -zahler mit zur Verantwortung ziehen will, wenn es einer angeblichen Schlüsselindustrie schlecht geht, der muss diese gleichermaßen als solche positionieren. Die Autos der Zukunft sollen natürlich in Deutschland gebaut werden. Doch das heißt nicht, dass es dieselben Firmen sein müssen, die den Staat in den letzten Jahrzehnten immer wieder dann zur Verantwortung gerufen hatten, als die eigenen Marktstrategien versagten. Darüber hinaus sollte eine Schlüsselindustrie für Deutschland etwas bieten, was nicht nur Arbeit, sondern gleichfalls ein zukunftsfähiges Mobilitätsmodell für viele Menschen liefert. Bezahlbare E-Mobilität ist etwas, das den Ausbau zukunftsorientierter Infrastrukturen bedingte. Gerade jetzt, also zu einem Zeitpunkt, in dem die Fokussierung auf den heimischen Markt unabdingbar zu sein scheint, wäre es wichtig gewesen, politisch die richtigen Maßnahmen zu ergreifen und damit auch mit Blick auf die Automobilindustrie den Strukturwandel einzufordern. 

Ein Auto für mehr als 90.000 Euro verhöhnt zudem diejenigen, deren Einkommen derlei Dimensionen niemals erreichen kann. Besonders die Pandemie hat die Ungleichheit der Gesellschaft noch einmal verschärft und stärker zutage treten lassen. Dass ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt Geld vom Staat gefordert wird, um ein Unternehmen zu retten, das offenbar nicht dazu in der Lage war, sich selbst rechtzeitig zu modernisieren, gleichzeitig aber in organisierten Betrug im Zuge des Dieselskandals verwickelt war, klingt beinahe wie Hohn. Die Forderung, einen Betrieb zu retten, der sich mehr aus Gewohnheit denn aufgrund realer Innovation zur deutschen Schlüsselindustrie zählt, kann deshalb nur als das wahrgenommen werden, was sie ist: Realitätsverlust. Sicherlich, nicht alle Unternehmen werden die COVID-19-Krise unserer Zeit unbeschadet überstehen. Viele werden es schaffen, weil sie sich angepasst haben, ohne sofort nach staatlichen Geldern zu verlangen, die die eigene Inkompetenz der vergangenen Jahre camouflieren sollen. 

Wäre die Welt ohne die S-Klasse so viel schlechter? Freilich würde es ein Gros der Menschen gar nicht bemängeln, wenn es solch „repräsentative“ Automodelle nicht mehr gäbe. Anstelle großer Limousinen vielleicht doch lieber endlich Elektromobilität für alle, zu einem erschwinglichen Preis, mit entsprechend ausgebauter Infrastruktur? Auch das schaffte Arbeitsplätze, selbst wenn diese nicht unbedingt in der Autoindustrie beheimatet wären. Für eine bessere Welt gereichte das jedoch, vor allem klimatechnisch, in jedem Fall. Wäre es zudem so schlimm, wenn nicht länger deutsche Autos den „kapitalistischen Protz“ repräsentierten, sondern vielmehr für wichtigere Ziele ständen, z.B. CO2-Neutralität. 

Und kann ein Unternehmen sich wirklich als Teil einer Schlüsselindustrie begreifen, wenn es gerade von den Modellen lebt, die nur von einer plutokratischen Minorität genutzt werden? Diese und andere Fragen müssen sich die Entscheidungsgremien bei Daimler durchaus gefallen lassen. Denn die Krise hat dazu beigetragen, dass die Unterschiede zwischen Armen und Reichen als schwerwiegender wahrgenommen werden, als in „normalen“ Zeiten. Zudem wartet eine junge Generation darauf, zu bestimmen, was in Zukunft als Schlüsselindustrie zu gelten hat. Bedenkt man Daimlers bisherigen Kurs, wäre es beinahe wünschenswert, dass das traditionsreiche Unternehmen nicht mehr als Teil einer solchen gelte. Denn eine auf Dividenden und „Investorenglück“ zielende Autoproduktion im Luxusbereich, die nicht im Sinne der Notwendigkeiten ihrer Zeit produziert, wird sich früher oder später selbst überleben. Was Daimler bräuchte, wäre das Verständnis, dass die Zukunft nicht der Vergangenheit des Unternehmens gleichen kann, doch dazu müsste der weitere Kurs des Unternehmens vom Willen zur Veränderung und nicht vom Willen nach bedingungslosem Profit bestimmt sein. Eine solche Entscheidung dürfte schon aufgrund bestehender Personalien im Top-Management scheitern. Diversität ist nämlich ein weiteres Thema, dass der Konzern verschlafen hat. Zumindest wurde dahingehend nicht um Hilfe gerufen. Das Geld der steuerzahlenden Masse ist willkommen, kritische Stimmen sind es hingegen nicht. Warum auch ein System ändern, dass denen, die die S-Klasse fahren können, bisher nur Vorteile gebracht hat? Ganz einfach, weil ein Wandel zwangsläufig eintreten muss und sofern Unternehmen diesem nicht offen und pro-aktiv begegnen, bleiben sie auf der Strecke, ebenso wie die „repräsentativen“ Limousinen einer schon bald vergangenen Zeit.

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