100 Jahre Kronstädter Matrosenaufstand

Vor 100 Jahren ereignete sich im Zuge der Russischen Revolution ein Matrosenaufstand, der sich gegen die Herrschaft der Bolschewiki richtete und zu einem „Menetekel“ (Helmut Bock) dieses Revolutionsprozesses werden sollte. Die bolschewistische Herrschaft richtete sich gegen die Revolutionärinnen und Revolutionäre der ersten Stunde, die nicht länger bereit waren, die Korrumpierung der revolutionären Ideale, für die sie sich selbst gegen die Regierung des Zaren erhoben hatten, zu akzeptieren. Es galt ihnen, den ursprünglichen Traum für eine bessere Welt zu verteidigen und den Revolutionsprozess auf seine anfangs geforderte Bahn in Richtung einer klassenlosen und damit herrschaftsfreien Zukunft für alle zurückzuführen. Die Unterdrückung Andersdenkender wurde ebenso kritisiert wie die Einschränkung individueller Freiheitsrechte durch die Bolschewiki.

Die Kronstädter Aufständischen fühlten sich verraten und wollten die Revolution zurück, für die sie so viel gewagt hatten. Für die Bolschewiki stellte der Aufstand im Gegensatz dazu eine echte Gefahr dar, denn ein Erfolg der anti-bolschewistischen Revolutionärinnen und Revolutionäre hätte Schule machen und Lenins Herrschaftsanspruch zum Wanken bringen können. Schnell sprach man in Moskau von einer Verschwörung der „Weißen“, der Konterrevolution, deren Spioninnen und Spione danach trachteten, die neue Ordnung zu zerstören und das zaristische Russland wiederherzustellen. Ungeachtet solcher Verunglimpfunsgversuche, wurde schnell deutlich, dass sich in Kronstadt die Massen formierten und die post-revolutionäre Herrschaft der Bolschewiki gefährdeten. Der Aufstand wurde schließlich blutig und mit äußerster Härte niedergeschlagen. Lenin und Trotzki, der als Kriegskommissar für die Leitung der militärischen Operationen verantwortlich war, blieb keine Zeit für Verhandlungen, die zudem zu starke Beachtung hätte finden und zur Verbreitung des Konflikts um die Deutungshoheit innerhalb des revolutionären Prozesses beitragen können. Es musst schnell und ohne Rücksicht auf menschliche Opfer gehandelt werden.

Kronstadt belegte dahingehend, dass nicht länger eine bessere Zukunft für alle Menschen, sondern vielmehr der Erhalt bolschewistischer Macht im Zentrum der bolschewistischen Politik standen. Die Niederschlagung des Kronstädter Aufstandes öffnete schließlich auch den letzten Zweiflerinnen und Zweiflern die Augen, dass die Revolution gescheitert, ja verloren war. Alexander Berkman, der seit 1920 zusammen mit Emma Goldman in Sowjetrussland lebte, hatte bis zuletzt geglaubt, dass das Handeln der Bolschewiki von äußeren Faktoren, etwa den Invasionsversuchen ausländischer und anti-revolutionärer Regierungen, bestimmt worden wäre. Er hatte gehofft, dass sich die Lage bessern würde, sobald die Erfolge der Revolution gefestigt seien, aber Kronstadt und der Unwille Lenins, einen Vermittlungsvorschlag zu berücksichtigen, öffnete auch ihm schließlich die Augen. Vielen anderen Unterstützerinnen und Unterstützern der Revolution ging es ähnlich. Wenige Jahre nach der Oktoberrevolution 1917 war durch die Ereignisse um den Kronstädter Matrosenaufstand offensichtlich geworden, dass die Ideale der Revolution längst keine Rolle mehr spielten. 

Diese waren von den Bolschewiki verraten worden, die sich nun auch gegen ihre eigenen Unterstützerinnen und Unterstützer richteten. Die Argumente für die zunehmende Durchdringung  aller Bereiche des Lebens in Sowjetrussland durch den bürokratischen Parteiapparat unter Lenins Führung konnten nicht länger darin bestehen, aufgrund des Kampfes gegen die Feinde der Revolution eine Conditio sine qua non darzustellen, denn diese Durchdringung wurde nun offen als das erkannt, was sie darstellte, nämlich ein Instrument der Macht und Kontrolle, das es den Bolschewiki ermöglichen sollte, im Namen der Revolution und als deren Repräsentantinnen und Repräsentanten das weitere Geschick Sowjetrusslands zu bestimmen. Gerade wegen der Kronstädter Ereignisse war es freiheitsliebenden Revolutionärinnen und Revolutionären, etwa Goldman und Berkman, unmöglich, die Bolschewiki weiter zu unterstützen. Es galt sich nun zu entscheiden: Unterstützung für eine Revolution, die keine mehr war oder Widerstand gegen ein Unrechtsregime, dessen Repräsentantinnen und Repräsentanten im Namen derselben zu herrschen versuchten. Die Ereignisse um den Kronstädter Matrosenaufstand bildeten demnach ein Menetekel, das die weitere Perversion der Russischen Revolution, hin zum Stalinismus der folgenden Jahrzehnte, zumindest als Gefahr erahnen ließ, selbst wenn es vielen internationalen Linken 1921 noch schwer fiel, zu akzeptieren, dass die Revolution erneut gescheitert sein sollte. 

Insgesamt betrachtet gehört der Kronstädter Matrosenaufständen zu den Ereignissen, die einer mit der Revolution verbundenen Hoffnung auf eine bessere Welt als negativer Erfahrungswert der Geschichte entgegenstehen. Gerade deshalb ist es notwendig, die Massen, die ja den revolutionären Prozess eigentlich bestimmen sollten, auf solche Gefahren hinzuweisen, um ein Abkommen vom demokratisch legitimierten Revolutionsprozess zu vermeiden und zu verhindern, dass radikale Minderheiten den Lauf revolutionärer Geschichte bestimmen. Zudem ist es wichtig zu verstehen, dass Ereignisse wie Kronstadt nicht zwangsläufig durch Revolutionen vorbestimmt sind, sondern das die stete Partizipation der Massen eben solche verhindern kann, wenn revolutionäre Bewegungen bewusst dafür sorgen, dass die dem demokratischen Konsens entsprungenen Ideal einer neuen und besseren Welt nicht dem Machtwillen einiger weniger Menschen zum Opfer fallen. 

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