Pandemie und Revolution

Revolutionen entstehen oftmals in Folge von politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Krisen, die die Diskrepanzen innerhalb der bestehenden Ordnung bzw. des gesellschaftlichen System offenlegen. Der deutsche Politikwissenschaftler Hans Wassmund hat schon Ende der 1970er Jahre in einer theoretischen Vergleichsstudie —Revolutionstheorien, C.H. Beck 1978—auf diesen Umstand hingewiesen und „Orientierungslosigkeit, Entfremdung [den] […] Zusammenbruch sozialer Gewohnheiten und eine Unterbrechung des Gehorsams gegenüber dem Staat“ als die Entstehung revolutionärer Prozesse bedingende Elemente genannt. Gleichfalls hat Wassmund darauf hingewiesen, dass die Trägerinnen und Träger der revolutionären Genese sich dabei vor allem aus drei Gruppen rekrutieren, nämlich den „psychisch Frustrierten, wirtschaftlich Ohnmächtigen und sozial Deklassierten“. 

Gerade die aktuelle Pandemie, in der das Weltgeschehen auf Infiziertenzahlen und deren hoffentlich erfolgreiche Senkung durch nun einsetzende Impfungen zentriert zu sein scheint, könnte durch das durch die COVID-19-Pandemie entstehende revolutionäre Potential der folgenden Jahre bestimmt werden, hat die Krise des Jahres 2020 die Belastung der genannten Gruppen intensiviert bzw. dieselben erst anwachsen lassen, so dass dieselben in ihrer revolutionären Selbsterkenntnis in den folgenden Jahren danach streben werden, bestehende Systeme, d.h. in ihrer Gesamtheit oder in Teilen, überwinden zu wollen. 

Die Zahl der psychisch Frustrierten hat durch die Corona-Pandemie zugenommen, wobei die Frustration durch viele unterschiedliche Faktoren ausgelöst werden kann: das Gefühl zunehmender staatlicher Kontrolle, das Gefühl der Machtlosigkeit im Angesicht des Todes durch ein Virus, das Gefühl der Einsamkeit oder Isolation oder auch das Gefühl mangelnder Wertschätzung, gerade in Zeiten einer globalen Krise. Sofern die Frustration in Hoffnungslosigkeit mündet, die mit dem bestehenden System nicht nur einhergeht, sondern dieses als Ursache derselben identifiziert, wird der Wunsch nach einem Neustart möglicherweise in vielerlei Hinsicht so drängend, dass das revolutionäre Potential dieser Gruppe uneingeschränkt freigesetzt  wird. Wer glaubt, keine andere Wahl zu haben als einen radikalen Neuanfang der Gesamtgesellschaft, der kann letztlich nur auf eine Revolution hoffen.

Gleichzeitig ist in der COVID-19-bedingten Krise die Zahl der wirtschaftlich Ohnmächtigen gewachsen, deren Existenz nun scheinbar nur noch vom Wohlwollen des Staates abhängt, der mit Corona-Soforthilfen und deren tatsächlicher Verfügbarkeit darüber entscheidet, wer die Krise überstehen könnte und wen die wirtschaftliche Ohnmacht schließlich zum Ende der beruflichen Existenz zwingen wird. Die Entscheidungen des Staates werden dabei oft als willkürlich empfunden und während die Rettung der Wirtschaft und des Handels zur ersten Bürgerinnen- und Bürgerpflicht erklärt werden, leiden Kulturschaffende ebenso wie Soloselbständige unter der Krise und werden Schritt für Schritt die Masse der wirtschaftliche Ohnmächtigen, wie sie nach 2020 sicherlich zunehmen wird, weiter ergänzen, aber vermutlich ebenso weiter radikalisieren. Die Verliererinnen und Verlierer der Krise erfahren jetzt die Schwächen der kapitalistisch-neo-liberalen Gesellschaft, in der für sie kein Platz zu sein scheint, mit aller Härte und allen Konsequenzen. Existenzen, die über Jahre mühsam aufgebaut wurden, enden, während große Konzerne ohne jedes Zögern gerettet und subventioniert werden. Das Empfinden ist mit Blick auf diese Prozesse wichtig, denn eine sich selbst als ungerecht behandelte Masse wirtschaftlich Ohnmächtiger wird schließlich zwangsläufig zum Anwachsen des revolutionären Potentials im nächsten Jahrzehnt beitragen. 

Schließlich wird in diesem ebenso die Zahl derer, die sich als sozial Deklassierte verstehen ansteigen. Sicherlich wird eine Überlappung der drei genannten Gruppen existieren, aber nicht nur Selbständige und Gewerbetreibende, die durch COVID-19 und die Folgen ihre Lebensgrundlage verloren haben, werden sich deklassiert fühlen, sondern viele, deren Ausbeutung im Zuge der Krise intensiviert worden ist. Während Konzernchefs—das beste Beispiel ist vermutlich Jeff Bezos, der Amazon-Gründer—in Zeiten der Krise, vor allem auch durch schamlose ausbeuterische Praxis, ihr Vermögen vermehren können, sind viele derer, die aufgrund von Lockdowns und Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit ihre finanzielle Sicherheit und ihren sozialen Status eingebüßt haben oder noch einbüßen werden, frustriert, denn am Ende hat die Krise nicht gezeigt, dass der Kapitalismus und die Selbstregulierung des Marktes allen die gleichen Möglichkeiten, d.h. Schutz der Gesundheit sowie des sozialen Status, geben, sondern eine Intensivierung bestehender Ausbeutungsmechanismen zugunsten weniger Krisengewinner bedingen. 

Die Pandemie erhöht folglich mit Blick auf die zu erwartenden Langzeitfolgen das revolutionäre Potential und die Gefahr sozialer und politischer Auseinandersetzungen in vielen nationalen Kontexten. Im 21. Jahrhundert wird daher vermutlich weltweit ein Anstieg der Zahl von Protestbewegungen zu beobachten sein, an denen sich psychisch Frustrierte, wirtschaftlich Ohnmächtige und sozial Deklassierte gleichermaßen bzw. bisweilen in zugleich mehreren dieser Rollen, beteiligen. Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass diese Gruppen als Verliererinnen und Verlierer der Pandemie zu betrachten sind und in der Folge derselben ein Zustand eintritt, der von einer gewissen Hoffnungslosigkeit bestimmt wird. Wem das bestehende politische, soziale oder wirtschaftliche System keine Hoffnung für eine bessere Zukunft mehr bieten kann, für den wird ein Bruch mit demselben zur unausweichlichen Notwendigkeit werden müssen. 

Wie schnell es zur Formierung der Protestbewegungen kommen wird und ob diese das Potential haben, sich zu echten Revolutionen weiterzuentwickeln, bleibt abzuwarten. Tatsächlich kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob, wo und wann genau sich revolutionäre Prozesse formieren können und wie weit diese führen, aber dass die Möglichkeit für die Genese eben solcher besteht, kann nicht von der Hand gewiesen werden. Zu tiefgreifend werden die Folgen der Pandemie für viele Menschen sein. Und wenn deren Hoffnung, ein erfolgreicher Teil eines kapitalistischen Systems zu bleiben, schwindet, dann werden früher oder später Alternativen in den Blick vieler Menschen rücken. Diese alternativen Ideen fordern, wie in Revolutionen üblich, jedoch nicht, das bestehende System zu verbessern, sondern dieses zu zerstören, es hinter sich zu lassen und etwas Neues, etwas Besseres für die Zukunft zu errichten. Abschließend kann folglich konstatiert werden, dass wir uns erst am Anfang einer Krise befinden, die mit Blick auf mögliche Langzeitfolgen vor allem Anlass dazu gibt, die Entwicklung der genannten Gruppen weiter im Auge zu behalten, denn erneut scheint die Möglichkeit gegeben zu sein, die Formierung einer globalen Revolutionsbewegung, wie sie durch eine internationale Krise der bestehenden normativen Ordnungssysteme hervorgerufen wird. Wenn die Pandemie also bereits eines bewirkt hat, dann dass Menschen in verschiedenen Ländern der Welt bereits über alternative Gesellschaftsentwürfe und die damit einhergehenden Fragen von Ethik und Moral diskutieren. Wichtig wird dahingehend die Frage sein, wie viel Hoffnung ein ethisch und moralisch marodes System diesen Menschen wirklich noch vermitteln kann. Denn wo während und nach der globalen Pandemie Hoffnungslosigkeit zunimmt, wird die Idee einer Revolution immer attraktiver.

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