Impfnationalismus und Impfkapitalismus

Die COVID-19 Pandemie hat eines sicherlich weltweit intensiviert, nämlich den Gegensatz zwischen arm und reich. Überall hat sich die Dichotomie zwischen denen, die auch in Krisenzeiten von der Ausbeutung ihrer oft prekär beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren — Stichwort Amazon —, sowie denen, die selbst prekär beschäftigt sind und deren Lebensrealität durch die Pandemie noch verschlechtert wurde, verstärkt. Und nun deutet darüber hinaus alles darauf hin, dass die Impfungen, vor allem in globaler Perspektive, nicht alle erreichen werden und während sich die westlichen Industriestaaten bereits Millionen Impfdosen gesichert haben, droht der sogenannten Dritten Welt ein weiterer Schlag, denn die Länder des globalen Südens könnten zu Opfern von Impfnationalismus und Impfkapitalismus werden.

Die Welt hätte in der aktuellen Pandemie die Möglichkeit, sich solidarisch zu zeigen und Impfstoffe für alle Menschen zu produzieren und gleichermaßen vor den Folgen der todbringenden Krankheit zu schützen. Doch ebenso wie mit Blick auf Aids oder Ebola, Erkrankungen bei denen bspw. Afrika oft alleingelassen worden ist, wird der Kontinent viel härter von den Folgen der Pandemie getroffen werden, da viele Staaten dort sich die teuren Impfstoffe gegen COVID-19 nicht leisten können. Die „Unterentwicklung Afrikas“, auf die der Historiker Walter Rodney (1942-1980) schon 1972 hingewiesen hatte, wird durch den Impfkapitalismus gnadenlos fortgesetzt und das finanzielle Interesse großer Pharmakonzerne soll auch in Zukunft über Leben und Tod der Menschen in Afrika entscheiden. Dass dieser Zustand fortbestehen kann, hängt dabei auch mit den um sich greifenden Impfnationalismen der reichen Industriestaaten zusammen, denn diese sichern sich als Konkurrenten auf dem Pharmamarkt so viele Impfdosen wie möglich, um die Impfung und den Schutz der eigenen Bevölkerung zu gewährleisten.

Wäre es nicht besser, die Herstellung der Impfstoffe durch Gelder aus den reichen Industrienationen zu sichern, diese dann aber global zu verteilen. Die Industrienationen könnten damit nicht nur sich selbst schützen, schließlich würde die Pandemie durch global stattfindende Impfungen auch global eingedämmt, sondern sie übernähmen gleichzeitig eine solidarische Verantwortung für die Menschen in den Teilen der Welt, die gerade aufgrund der Geschichte des europäischen Imperialismus heute in einer finanziell benachteiligten Lage sind. Anstatt einer erneuten Ausbeutung und damit einhergehend einer erneuten oktroyierten „Unterentwicklung“, aufgrund der Benachteiligung beim Zugang zu Impfstoffen, entgegenzuwirken, scheinen die Entscheidungsträger eine solche wissend in Kauf zu nehmen, um den nationalistischen Forderungen nach dem priorisierten Schutz der eigenen Bevölkerung nachzukommen. Der Impfnationalismus wird folglich verhindern, dass das Ende der Pandemie allen Menschen der Welt ermöglicht wird. Die finanzielle Kaufkraft der entsprechenden Staaten wird bestimmen, wer wann geimpft werden kann, so dass das bereits bestehende Nord-Süd-Gefälle zusätzlich verstärkt wird. 

Angesichts der Idee, dass wir in einer globalisierten Welt leben, die sich im 21. Jahrhundert vor allem aufgrund der historischen Erfahrungen des letzten Jahrhunderts, auf fundamentale Werte wie Solidarität und Nächstenliebe berufen müsste, um sich den bevorstehenden Aufgaben als geschlossene Gemeinschaft zu stellen, ist es umso bedrückender, dass die COVID-19-Pandemie uns vor Augen führt, wie wenig aktive Hilfe hinter den Lippenbekenntnissen zur globalen Solidarität wirklich steht. Wäre es nicht besser, auch aus Sicht der langfristigen Auswirkungen der Impfungen, allen Ländern die Möglichkeit zu sichern, ihre Bevölkerungen gegen das Virus zu schützen. Wäre es den reichen Ländern der nördlichen Hemisphäre nicht ein Leichtes sein, den eigenen nationalistischen Drang zu überwinden, um sich in solidarischer Art und Weise an der Finanzierung des Impfstoffes für die Menschen, die im globalen Süden beheimatet sind, zu beteiligen. Wäre das ob der historischen Vergangenheit und der Ausbeutung dieser Teile der Welt nicht sogar eine gewisse Verpflichtung, um eine bessere, da gerechtere, Zukunft für alle Menschen zu schaffen?

Wäre es zudem nicht besser, eine globale Lösung für ein globales Problem zu suchen? In Zeiten einer solchen Krise, sind nationalistische Rückbesinnungen, eine Neuauflage früherer Ausbeutungsmechanismen sowie die Fokussierung auf kapitalistische Interessen weniger sicherlich nicht der richtige Weg in eine bessere Zukunft. Es muss daher Aufgabe politischer Entscheidungsträgerinnen und -träger, Entwicklerinnen und Entwickler von Impfstoffen sein, sicherzustellen, dass die Welt in ihrer Gesamtheit von den vorhandenen Möglichkeiten, Leben zu retten, und deren solidarischer Anwendung profitieren kann. Nur wenn nationale Interessengegensätze überwunden werden, dann kann die globale Pandemie zum Wohle aller Menschen eingedämmt werden. Nur wenn kapitalistische Interessen nicht die Anwendung von Mitteln und Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit aller behindern, kann die Welt in ihrer Gesamtheit vom Damoklesschwert steigender Fall- und Todeszahlen befreit werden. Das Virus unterscheidet sicherlich nicht zwischen Nationalitäten, wenn es um die Mortalität geht aber doch zwischen arm und reich. 

Es ist an der Zeit, Impfnationalismen und dem Impfkapitalismus entschieden entgegenzutreten, denn nur wenn diese Hemmschuhe einer solidarisch-globalen Impfung und damit dem gesundheitlichen Schutze aller volle Priorität überwunde worden sind, kann die Menschheit in eine bessere Zukunft blicken.

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