Kampf der Nationalismen: Der Konflikt um Bergkarabach

Die Region Bergkarabach, die bis vor kurzem kaum jemand hätte verorten können, ist zum Zentrum eines Konfliktes im Kaukasus geworden, aus dem schnell — wie aus dem Syrischen Bürgerkrieg — ein weiterer internationaler Konflikt werden könnte. Dabei wird der Konflikt von zwei gegensätzlichen Nationalismen bestimmt. Zum einen ein auf Unabhängigkeit der armenischen Bevölkerung bzw. den Anschluss an Armenien zielender anti-aserbaidschanischer Nationalismus, d.h. ein prä-nationalstaatlicher (Typ 1). Gleichzeitig will Aserbaidschan die Region weiter kontrollieren und dauerhaft als eigenes Gebiet assimilieren, so dass sich hier ein nach innen und gegen Minderheiten gerichteter post-nationalstaatlicher Nationalismus (Typ 2) zum Ausdruck kommt. Wenn diese Typisierung als Grundlage dient, also ein Konflikt zwischen Typ-1- und Typ-2-Nationalismus identifiziert werden kann, wird klar, dass hier zwar Nationalismen, aber doch unterschiedlicher Art aufeinandertreffen. Die nationalistische Erhebung der Armenier in Bergkarabach mit dem Anspruch auf Unabhängigkeit, selbst wenn diese in Form der Einbettung in den armenischen Nationalstaat erfolgte, bedeutet, dass der anti-aserbaidschanische Nationalismus gleichzeitig als anti-kolonial zu verstehen ist. 

Karte zum Konflikt um Bergkarabach.   Armenisch besetztes Gebiet Aserbaidschans Bergkarabach. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bergkarabach.svg

Derlei nationalistische Konflikte bleiben jedoch selten wirklich isoliert. Vielmehr zeigt sich in Bergkarabach wieder einmal, das lokale Auseinandersetzungen schnell internationalisiert werden, wenn sich hier, ähnlich wie im Syrischen Bürgerkrieg, sogenannte „Schutzmächte“ positionieren, d.h. die Türkei auf Seiten Aserbaidschans und Russland auf Seiten Armeniens, wobei letzteres die armenische Bevölkerung in Bergkarabach unterstützt. Dabei ist der Konflikt nicht neu, sondern zeigte sich bereits in direkter Folge der Russischen Revolution, nach der es bereits einen Konflikt um die Region gegeben hatte. Die Lösung der Bergkarabach-Frage im Vertrag von Moskau 1921 sollte die Positionen zwischen der türkischen Seite — unter Mustapha Kemal, später Atatürk hatte seit 1919 den Widerstand gegen die Besatzung des Osmanischen Reiches nach Ende des Ersten Weltkrieges organisiert und damit begonnen, den neuen, 1923 offiziell gegründeten, türkischen Staat militärisch zu konsolidieren. Die Position der Armenier in Bergkarabach, von denen zuvor viele als Flüchtlinge vor dem Genozid an der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich dorthin geflohen waren, wurde schlichtweg nicht berücksichtigt. 

Nachdem der Konflikt um die Region seit Mitte der 1980er Jahre sowie in der Folge des Endes der Sowjetunion wieder aufflammte, tobt nun erneut ein Krieg, der wie bereits ausgeführt von verschiedenen Nationalismen befeuert wird. Diese werden zudem religiös aufgeladen, da ein überwiegend christlich-orthodoxer Staat (Armenien) gegen einen islamischen (Aserbaidschan) Krieg führt. So inszenieren sich die beiden Anrainerstaaten Russland und Türkei nicht nur als Unterstützer der jeweiligen Nationalismen, sondern ebenso der beiden Religionen und tragen dadurch zunehmend zu einer Zuspitzung des Konfliktes bei. 

Problematisch ist, dass sich ein Kompromiss, der beiden Seiten und damit beiden, durch eine Dichotomie bestimmten, Nationalismen gerecht werden könnte, nur schwer vorstellbar ist. Eine Unabhängigkeit der Region würde Aserbaidschan kaum akzeptieren, denn die staatliche Integrität wäre dadurch gefährdet. Gleichzeitig sind die Armenier in Bergkarabach nicht willens, eine in ihren Augen existierende Fremdherrschaft, weiter zu akzeptieren. Derweil sterben weiter Menschen, vor allem auch Zivilisten, die aufgrund des Krieges in der Region leiden. Zwangsläufig werden wieder Tausende zur Flucht gezwungen und versuchen, in sichere Anrainerstaaten zu gelangen, um dort das Ende der Zerstörung abzuwarten. Ob sich der Krieg um Bergkarabach zu einem erneuten Stellvertreterkrieg zwischen Russland und der Türkei entwickelt, bleibt abzuwarten, die Gefahr ist allerdings groß. Dadurch wird das Schicksal der Region allerdings gleichfalls von externen Nationalismen — gleichfalls post-nationalsstaatlich (Typ 2), allerdings auf Expansion nach außen gerichtet bestimmt. Damit sind insgesamt vier verschiedene Nationalismen für die Entwicklung des Konfliktes um Bergkarabach verantwortlich und bilden in ihrer Gesamtheit die Gefahr, dass dieser sich zu einem lange währenden Krieg im Kaukasus entwickelt. Dass der Nationalismus auch heute, in einer Zeit in der Europa versucht transnationale Bündnisse zu unterhalten und zu stärken, derlei Konflikte bedingt, macht es schwer, an eine internationale Staatengemeinschaft jenseits nationalstaatlicher Grenzen zu glauben, ja auf diese zu hoffen. Zu stark scheinen nationalistische Versuchungen auch heute noch zu sein und wenn Europa den Konflikt ignoriert, wird es bald mit den Konsequenzen konfrontiert werden. 

Die Armenier in Bergkarabach, die sich als Teil der „imaginierten Gemeinschaft“ der armenischen Nation, die auf historische Traditionen und religiöse Identitäten zurückgreift, verstehen, weigern sich, aufgrund von Zwang zu einem Teil Aserbaidschans zu werden, so dass eine Segregationsbewegung unausweichlich scheint. Ob und wie sich die unterschiedlichen Nationalismen im weiteren Verlauf des Konfliktes der involvierten Nationalstaaten auswirken werden, bleibt abzuwarten. Gehofft werden sollte, dass die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger erkennen, dass der Krieg, der bereits so viele Opfer gefordert hat, nur durch eine Einschränkung der nationalistischen Ambitionen auf allen Seiten verhindern lässt. Das heißt auch, dass die aggressiven Typ-2 Nationalismen anerkennen müssten, dass die Armenier in Bergkarabach ein Recht dazu haben sollten, abzustimmen wie sie leben wollen, ob nun als Teil Armeniens, Aserbaidschans oder unabhängig sollte dabei keine Rolle spielen, denn nur eine freie Entscheidung, die von den anderen Nationalstaaten anerkannt wird, wäre im Sinne der Menschen. Das hieße allerdings auch, dass die anderen Staaten ihre eigenen nationalistischen Ambitionen zurückstellen müssten, etwas, das trotz der Annahme, wir lebten in einer post-nationalen Epoche, unmöglich zu sein scheint. 

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