Rezension: Günther Gerstenberg, Räte in München. Anmerkungen zum Umsturz und zu den Räterepubliken 1918/19, Bodenburg: Verlag Edition AV, 2019.

Eine verfußnotete Version der folgenden Rezension findet sich hier.

Das einhundertjährige Jubiläum der Deutschen Revolution 1918/19 hat einiges Interesse in der Forschung, vor allem auch innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft, an einem revolutionären Prozess, der als „paradox“, „vergessen“ oder „verraten“ galt, hervorgerufen. In seiner Darstellung, die Aufsätze zur Revolution in München und den Räterepubliken, die teilweise schon an anderer Stelle publiziert worden waren, widmet sich Günther Gerstenberg den Ereignissen in der bayerischen Landeshauptstadt. Dabei gibt er zu bedenken, dass, seiner Meinung nach, „[d]ie Sieger der Geschichte […] das Bild der der Münchner Rätetage [prägen].“ (S. 2) Er selbst stellt sich dahingehend in die Tradition der APO und der Studentenbewegung, um die „verzerrte Überlieferung […] ein wenig zu korrigieren“. (Ebd.) Dass die Beschäftigung mit der Rätebewegung, auch im Münchner Kontext, wesentlich komplexer ist, wird Leserinnen und Lesern hier verschwiegen. Verweise auf wichtige Arbeiten der letzten Jahren fehlen beispielsweise, so dass etwa die folgende Aussage völlig unbelegt bleibt: „Die meisten Autorinnen und Autoren, die sich heute mit der Geburtsstunde der Weimarer Republik beschäftigen, sehen es als selbstverständlich an, dass es vor 100 Jahren zwingend notwendig war, die Rätebewegung, die den Militarismus beseitigen, Kapital vergesellschaften und den Staatsapparat durchgreifend demokratisieren wollte, brutal niederzuschlagen.“ (S. 3) Derlei Polemisierungen — Gerstenberg spricht etwa von einem „Vernichtungsfeldzug“ (S. 4) der bürgerlichen Eliten gegen die Münchner Räterepublik — entsprechen tatsächlich nicht dem Forschungsstand, der sich gerade im Zuge des Jubiläums, aber ebenso in der vorgehenden Dekade, durchaus kritisch mit der Revolution auseinandergesetzt hatte und dabei auf Arbeiten fußt, die den Revolutionsprozess und die damit verbundene Rätebewegung bereits früh als komplex und als ein Thema, das einer eingehenden und unvoreingenommenen Betrachtung bedarf, gewidmet hatten.  

Die Absicht des Autors, mit seiner Darstellung zu „brüskieren“ (S. 5) wird auch ohne diesen expliziten Hinweis schnell ersichtlich. Dabei wird jedoch ebenso schnell klar, dass dieselbe nur schwer als wissenschaftlich bezeichnet werden kann. Zwar schildert Gerstenberg im Zuge seiner chronologisch angeordneten Beiträgen, in denen manche Ereignisse, aufgrund der vormaligen Publikation derselben, mehrfach abgehandelt werden, viele Ereignisse durchaus anekdotenreich und nimmt mitunter interessante Perspektivierungen vor. Allerdings stützt er sich auf einen stark limitierten Quellenkorpus, meist anarchistischer oder dem Anarchismus nahestehender Autorinnen und Autoren und belegt nicht immer alle Zitate akkurat. Zudem wird die Darstellung zumeist von überlangen Zitaten durchzogen, die oft nur oberflächlich in den in den Beiträgen dargestellten Diskurs eingebunden wurden. Vermengt wird das Ganze mit bisweilen eigenwilligen, der politischen Agenda des Autors folgenden, Interpretationsansätzen, die nicht nur die Unkenntnis themenrelevanter Literatur, sondern gleichfalls den Unwillen, die Münchner Ereignisse der Jahre 1918/19 kritisch zu diskutieren, belegen. Neben den inhaltlichen Mängeln fallen auch formale Schwächen auf (etwa S. 23 f.).  

Gerstenbergs Buch endet schließlich mit einer rhetorischen Frage: „War das Engagement der Räterepublikanerinnen und Räterepublikaner 1918/19 umsonst?“ Es ist schade, dass er diese an das Ende der Darstellung und nicht an deren Anfang stellt, denn dann hätte er diese kritisch diskutieren und mit seiner Arbeit einen echten Beitrag zum Diskurs über die Revolution und Räterepublik in Bayern leisten können. Stattdessen wird eine „Studie“ geliefert, die tatsächlich brüskiert, allerdings nur, weil sie kaum einen Beitrag leistet, der etwas neue Einsichten in Geschichte der Münchner Räterepubliken liefert und der lediglich als schneller Versuch erscheint, das Jubiläum 2018/19 nicht unverrichteter Dinge verstreichen zu lassen, und einen Teil der Aufmerksamkeit auch auf eigene politische Ansichten zu lenken. Doch dadurch wird das Buch immerhin selbst zu einem Beleg dafür, wie sehr die revolutionären Ereignisse in Bayern der Jahre 1918/19 heute noch dazu dienen, auch jenseits der historisch belegbaren Ereignisse alternative Interpretationen zu verbreiten. 

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