Rezenison: David Motadel (Hrsg.), Revolutionary World: Global Upheaval in the Modern Age, Cambridge: Cambridge University Press, 2021. 

Die folgende Rezension erschien in leicht abgeänderter bzw. gekürzter Form in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 70/3 (2022).

Revolutionen sind wieder en vogue. Nicht zuletzt, da sie auch das politische Zeitgeschehen des noch jungen 21. Jahrhunderts zu bestimmen scheinen. In den vergangenen Jahren hat die Diskussion um die Revolution als historisches Phänomen der Moderne wieder etwas mehr Fahrt aufgenommen, wobei diese nicht allein in den Geschichtswissenschaften geführt wurde und wird. Während von einigen Historikern ein revolutionäres Skript postuliert wurde, nach dem sich revolutionäre Prozesse entwickeln sollen [1], haben andere argumentiert, dass es sich bei Revolutionen lediglich um eine Aneinanderreihung von Zufällen handele. [2] Der Autor der vorliegenden Rezension hat im Gegensatz dazu auf einen generischen Verlauf revolutionärer Prozesse hingewiesen, der analytisch verglichen werden sollte, um das Verständnis dieser globalen Transformationsabläufe besser zu verstehen. [3] Klar scheint im Gegensatz zu diesen unterschiedlichen Bewertungen bzw. Lesarten der Revolution, dass diese sich 1) nicht in einem Vakuum abspielen, also normalerweise Folgen lokalen aber auch transnationalen Ausmaßes nach sich ziehen [4] und 2) stets nach einem Diskontinuum der bestehenden Verhältnisse streben. [5] 

Der von David Motadel herausgegebene Band Revolutionary World versucht, das Phänomen als „globale Aufstände der Moderne“ zu verstehen, wobei es als analytisches und nicht als historisches Konzept Anwendung finden soll [6], und will sich den verschiedenen revolutionären Wellen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert widmen. Dabei soll der Band „weder eine umfassende noch eine endgültige Darstellung der globalen Geschichte der Revolution und der revolutionären Wellen liefern. Es ist vielmehr ein Versuch, erste Einblicke in das Phänomen zu geben und ein umfassendes Bild zu zeichnen, das in Zukunft weiterverfolgt werden kann.“ [7] Wer bedenkt, dass sich bereits die Leipziger Historiker Walter Markov und Manfred Kossok, die Motadel immerhin kurz erwähnt, mit revolutionären Wellen auseinandersetzten, kann über die „ersten Einblicke“, die Motadel hier vermittelt wissen will, allerdings nur schmunzeln. Revolutionen sind, wie es die beiden ostdeutschen Revolutionshistoriker formulierten, „zäsursetzend, wenn nicht immer […] universalgeschichtlich, dann zumindest im nationalen oder kontinental-regionalen Maßstab.“ [8] Darüber hinaus, so Kossok weiter, „wächst [d]ie historische Relevanz einer Revolution […] proportional mit dem Grad ihrer Wirkung über die Grenzen des ‚eigentlichen‘ Austragungsortes hinaus, d.h. in dem Maße, wie die universalen, den Charakter der Epoche perspektivisch bestimmenden oder damit korrespondierenden Entwicklungslinien Ausdruck finden und daraus Initialzündungen für eine weitertreibende Welle revolutionärer Umgestaltungen erwächst.“ [9] Sicherlich kann Motadels Sammelband aber weiter „zu unserem Verständnis von Territorialität in der Geschichte revolutionärer Umwälzungen beitragen“ und zudem zeigen, wie sich Revolutionen in unterschiedlichen geographischen und zeitlichen Kontexten wellenartig verbreiteten. Die im Sammelband und den einzelnen Beiträgen angebotene Makroperspektive ist denn auch geeignet, um Vergleiche zwischen den verschiedenen Wellen zu ziehen, etwa den Atlantischen Revolutionen (David A. Bell) oder den anti-kolonialen bzw. anti-imperialistischen Revolutionsbewegungen der „Dritten Welt“ (Odd Arne Westad). Der Sammelband soll schließlich „die Natur dieser revolutionären Wellen [untersuchen]. [Darüber hinaus wird ge]zeigt, dass die großen Revolutionen und revolutionären Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts, die hauptsächlich als isolierte nationale oder imperiale Ereignisse untersucht wurden, in Wirklichkeit alle bemerkenswert international waren.“ Tatsächlich wurde die Internationalität revolutionärer Prozesse, mit Blick auf direkte und indirekte Auswirkungen, schon durchaus umfassend untersucht, ein Vorteil von Motadels Sammelband besteht aber sicherlich darin, diese Forschung zu bündeln und in den unterschiedlichen Kapiteln komprimiert dazustellen. Die Berücksichtigung außereuropäischer Perspektiven ist dabei besonders wichtig (etwa in den Beiträgen von Abbas Amanat und James L. Gelvin) und offeriert der Leserin/dem Leser eine echte globalhistorische Perspektive. Auffallend ist leider aber ebenso, dass die Vergleichsebene der einzelnen Kapitel nur wenig analytisch determiniert wurde und in der Einleitung eher durch einige Floskeln angedeutet wird: „Die folgenden Kapitel untersuchen Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Revolutionen, die ungefähr zur gleichen Zeit in verschiedenen Ländern ausbrachen (und der Band als Ganzes vergleicht die revolutionären Wellen miteinander).“ Interessant und sicherlich lohnenswerter wären hier klare Kategorien und Analyseebenen des Vergleichs gewesen, nach denen die einzelnen Kapitel hätten strukturiert werden können, um dem Gesamtkonzept des Sammelbandes, neben dem vereinenden Thema, mehr Kohärenz zu verleihen. 

Die globalen Verbindungen zwischen Revolutionen, die sich innerhalb der selben Welle ergaben, sind sicherlich interessant, hätten aber ebenfalls etwa mit Blick auf die verbindenden Elemente, also z.B. die im transnationalen Kontext mobilen Revolutionärinnen und Revolutionäre, bestimmte Publikationen und deren Einfluss sowie die lokale Rezeption von revolutionärem Gedankengut im transnationalen Kontext über die einzelnen Beiträge hinweg ausführlicher untersucht werden können. [10] Insgesamt betrachtet liefert die globalhistorische Untersuchung verschiedener Revolutionswellen aber durchaus Anreize für die weitere Forschung, zumal sie einen breit angelegten Zugang zu diesem lohnenden Sujet und damit der historisch-kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einem Phänomen, das in ähnlicher Art und Weise die revolutionären Ereignisse der 1840er (Christopher Clark) sowie der 1980er Jahre (John Connelly) bestimmte, liefert. Kritisch sollte jedoch dessen ungeachtet angemerkt werden, dass der Band selbst nur „wenig revolutionäres Potential“ besitzt, da Aspekte der Diversität gleich mehrfach vernachlässigt wurden. Lediglich zwei Kolleginnen sind am Sammelband mit Beiträgen beteiligt, deren Autorinnen und Autoren zudem insgesamt und ausschließlich aus den „Elfenbeintürmen“ der elitären Bildungseinrichtungen der USA, Englands und Frankreichs – Yale (3), Princeton, UC Berkeley, UCLA, UNC-CH, Harvard, Cambridge (2), LSE, Paris – rekrutiert worden sind. [11] 

[1] Keith Michael Baker/Dan Edelstein, Introduction, in: Keith Michael Baker/Dan Edelstein (Hrsg.) Scripting Revolution. A Historical Approach to the Comparative Study of Revolutions, Stanford, CA 2015, S. 1–22.

[2] Jörg Baberowski, Der bedrohte Leviathan. Staat und Revolution in Rußland, Berlin 2021, S. 8.

[3] Frank Jacob, 1917. Die korrumpierte Revolution, Marburg 2020; ders., Freiheit wagen! Ein Essay zur Revolution im 21. Jahrhundert, Bielefeld 2021.

[4] Zu den globalen Auswirkungen der Russischen Revolution vgl. etwa, um hier nur ein Beispiel zu nennen, Tatiana Linkhoeva, Revolution Goes East. Imperial Japan and Soviet Communism, Ithaca 2020.

[5] Gunnar Hindrichs, Philosophie der Revolution, Berlin 2017. Nach diesem Diskontinuum wird in vielerlei Hinsicht von Revolutionärinnen und Revolutionären auch schon vor der eigentlichen Revolution gestrebt. Vgl. dazu etwa Eva von Redecker, Praxis und Revolution. Eine Sozialtheorie radikalen Wandels, Frankfurt am Main 2018. 

[6] Die Definition bleibt leider etwas unscharf: „Die Kapitel in diesem Buch folgen einer grundlegenden Definition von Revolution als einem Zustand, in dem ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung den Machtanspruch seiner Herrscher über den Staat in Frage stellt – was zu einer Spaltung des Gemeinwesens führt – und der in abrupten (und oft gewalttätigen) ) politische Veränderungen resultiert. Es sei jedoch erwähnt, dass auch große Revolutionsversuche berücksichtigt werden, die nur Teile dieser Definition erfüllen. Schließlich könnten selbst erfolglose Revolten tiefgreifende Auswirkungen auf den Einzelnen haben und sein Leben für immer verändern, und die Ergebnisse von Revolutionen waren sowieso nicht immer eindeutig.“ Zur Problematik solch definitorischer Unschärfe vgl. Chalmers Johnson: Revolutionstheorie, Köln/Berlin 1971 [1966], S. 157.

[7] Auf die Angabe von Seitenzahlen muss leider verzichtet werden, da der Verlag (Cambridge University Press) lediglich einen „Apple ebook voucher“ für die vorliegende Rezension zur Verfügung gestellt hat.

[8] Manfred Kossok/Walter Markov, Zur Methodologie der vergleichenden Revolutionsgeschichte der Neuzeit, in: Manfred Kossok (Hrsg.), Studien zur Vergleichenden Revolutionsgeschichte 1500-1917, Berlin 1974, S. 1–28, hier S. 9.

[9] Manfred Kossok, Zur Methodologie der vergleichenden Revolutionsgeschichte der Neuzeit, in: Manfred Kossok, Sozialismus an der Peripherie. Späte Schriften, hrsg. v. Jörn Schütrumpf, Berlin 2016, S. 93–122, hier S. 103.

[10] Zwar weist Motadel auf diese Mobilität hin, ein Verweis auf Brigitte Studer, The Transnational World of the Cominternians, Basingstoke 2015 oder dies. Reisende der Weltrevolution. Eine Globalgeschichte der Kommunistischen Internationale, Berlin 2020 erfolgt allerdings nicht.

[11] Der Revolutionär, Aktivist und Historiker Walter Rodney hätte eine solche Zusammenstellung an Beiträgen sicherlich als „bourgeois“ und anti-revolutionär verstanden. Vgl. dazu Walter Rodney, The Russian Revolution: A View from the Third World, ed. and with an Introduction by Robin D.G. Kelley and Jesse J. Benjamin (London/New York: Verso, 2018), 16-18.

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